Neues aus der Kultur WS21.22 15 Schwendemann

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  • hochgeladen 8. Februar 2022

Dr. Heinrich Schwendemann
Die erste Kolonie? Das Elsass im Kaiserreich

Während der Zabern-Affäre 1913 bezeichnete der deutsche Kronprinz die Elsässer als „Eingeborene“ und empfahl den Militärs an diesen ein „Exempel zu statuieren“: „Immer-feste-druff!“ Im Wikipedia-Artikel zur Geschichte des Elsass ist heute zu lesen, dass das „Reichsland“ Elsass-Lothringen „ähnlich einer Kolonie von Behörden des Reichs und Preußens verwaltet“ worden sei. Und in der Publizistik lässt sich immer wieder das Argument finden, dass das Elsass eine Art Experimentierfeld für die spätere deutsche Kolonialpolitik in Übersee gewesen sei. Gewiss: Die Mehrheit der Elsässer sah sich wider Willen 1871 in das neugegründete Kaiserreich hineingezwungen und fühlte sich in den kommenden Jahrzehnten als Deutsche zweiter Klasse behandelt. Aber das Bild ist nicht so dunkel wie es mitunter gezeichnet wird: Die Elsässer waren keinesfalls bloße Untertanen einer preußisch-deutschen Obrigkeit, sondern entwickelten ein starkes regionales Sonderbewusstsein, das etwa in der örtlichen Presse oder ab 1874 im Reichstag bzw. ab 1911 in einem Landtag selbstbewusst vertreten wurde. Diese spezifische Form eines Partikularismus kam auch nach der zunächst euphorisch bejubelten Rückkehr nach Frankreich zum Tragen: Der französische Nationalstaat sah sich nach 1918 mit einer massiv auftretenden elsässischen Autonomiebewegung konfrontiert.
Im Vortrag soll in Auseinandersetzung mit der Kolonisierungsthese ein differenziertes Bild der Geschichte des Elsass zwischen 1871 und 1918 gezeichnet werden.

Heinrich Schwendemann ist Akademischer Oberrat und Geschäftsführer am Historischen Seminar (Neueste Geschichte) der Universität Freiburg.

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